Strafe für schlechten Stil

Strafe für schlechten Stil

Süddeutsche Zeitung

Angel Igovs Schelmenroman über einen Dichter als Ankläger an einem bulgarischen Volksgericht.

Wie jemand in die Mühlen der Justiz gerät, wie ihm der Prozess gemacht wird, und sei es von einer anonymen, ungreifbaren Instanz, wurde schon so manches Mal beschrieben. Wie aber jemand selbst zum Ankläger wird, wie ein zarter, junger, vielversprechender Dichter Todesstrafen fordert, und zwar en bloc, das wurde in der Literatur wohl noch nicht erzählt – zumindest nicht auf eine solch lebhafte, schelmenhafte Art und Weise wie in “Die Sanftmütigen” des 1981 geborenen Bulgaren Angel Igov.

In dem 2015 im Original erschienenen Roman berichtet ein Chor Jugendlicher aus dem Sofioter Arbeiter- und Armenviertel Jučbunar von einem der Ihren, dem zum Dichter berufenen Emil Strezov. Es handelt sich dabei nicht um einen steifen Chor aus antikem Geist, eher um eine namens- und gesichtslose Bande kleiner, beweglicher Straßenköter, die um jede Ecke lugen, die unauffällig und mit schmutzigen Füßen in Hauseingängen hocken oder eben jenem von der Muse geküssten Emil Strezov auf Schritt und Tritt folgen. Kundschafter und Taschendiebe, Spaßmacher und Schlauberger, die dort, wo sie einmal kein Gespräch belauschen, sich eines ausdenken.

Dichter, die es nach Macht gelüstet und die insbesondere den Verlockungen der dunklen Seite der Macht nicht widerstehen konnten, hat es in den Dreißiger- und Vierzigerjahren viele gegeben. Emil Strezov aber fällt aus dem Muster, er ist kein Céline, kein Ernst Jünger, er hat mit seinen kaum zwanzig Jahre auch nur eine Handvoll Gedichte geschrieben. Er ist Kommunist, kein besonders tatkräftiger zwar, aber als die Rote Armee Sofia befreit, werden überall verlässliche Leute gesucht, auch in den Gerichten. Und weil Emil die Partisanin Liljana kennt, heimlich sogar in sie verliebt ist, weil Liljana durch ihre Zeit im Untergrund wiederum Leute kennt, die jetzt die Entscheidungen treffen, wird Emil zum Ankläger bei einem der damaligen “Volksgerichte” ernannt.

Und er nimmt seine Aufgabe ernst, zu ernst vielleicht: Er beißt sich an einem unter der Monarchie arrivierten, wenn auch zweitklassigen Dichter fest, einem Mann in taubengrauem Anzug und mit Ahornstock, der aus unerfindlichen – oder eben äußerlichen, ästhetischen – Gründen Emils ganzen Zorn auf sich zieht. Wie überhaupt die Volksgerichte zuweilen etwas von einer literarischen oder besser literaturbetrieblichen Racheaktion an sich haben. So sagt etwa Emils Vorgesetzter einmal: “Allein die Syntax, der Stil! So treibt man die Zögernden und Ungefestigten dem Faschismus in die Arme! (…) Man möchte sich die Gedärme auskotzen. Wenn man an all die Opfer denkt, all die Verbrechen – wären sie denkbar gewesen ohne die Propaganda? Und noch dazu so stümperhaft! Wenn sie wenigstens hätten schreiben können!”

Schreiben kann dieser Angel Igov, und wie!, möchte man rufen. Von dem Schwung dieser Prosa, ihrem Witz, dem Gespür auch fürs rechte Maß lässt sich allerdings nur schwärmen, weil Andreas Tretner “Die Sanftmütigen” mit großer Erfindungsgabe und Liebe fürs semantische wie rhythmische Detail ins Deutsche gebracht hat. Kein Wort ist zu viel auf diesen gerade einmal zweihundert Seiten.

Dicht und kompakt rücken “Die Sanftmütigen” einen wenig beachteten Aspekt der großen Machtverschiebung der Jahre 1944/45 in den Blick, und sie stellen mit diesem von seinen Jučbunarer Detektiven verfolgten, verwirrten und verliebten Emil die Frage, wie man selbst sich verhalten hätte angesichts der Möglichkeiten, die jeder Untergang mit sich bringt.

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