Vergessene Heimat des Orpheus

Vergessene Heimat des Orpheus

 

Kunstvoll erzählt Angel Igov „Die Sanftmütigen“ aus der Perspektive eines kollektiven „wir“. Mit seiner Übersetzung ist Andreas Tretner für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert – ein Ausnahmeerfolg. Denn bulgarische Literatur hat es schwer auf dem hiesigen Buchmarkt, sagt Tretner im Dlf.

Andreas Tretner im Gespräch mit Miriam Zeh

Auf der Leipziger Buchmesse, die vergangene Woche abgesagt wurde, sollte erstmals kein einzelnes Gastland im Vordergrund stehen. Stattdessen hebt das Branchenevent noch bis 2022 Literatur aus ganz Südosteuropa hervor. Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, der nichtsdestotrotz am Donnerstag (12.3.2020) vergeben wird, ist ein Roman aus dieser Gastlandregion. Angel Igovs „Die Sanftmütigen“ hat Aussicht auf eine Auszeichnung in der Kategorie Übersetzung. Andreas Tretner hat den 2015 im bulgarischen Original erschienen Roman ins Deutsche übertragen.

Miriam Zeh: Herr Tretner, Angel Igov erzählt in seinem Roman „Die Sanftmütigen“ von den kommunistischen Volksgerichten in Sofia, die von Dezember 1944 bis April 1945 tatsächlich dort abgehalten wurden, wenige Monate nach Einzug der Roten Armee und Machtergreifung durch die von der Kommunistischen Partei beherrschte Vaterländische Front. Offiziell zu dem Zweck einberufen, die Regierenden für den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg zur Verantwortung zu ziehen und Kriegsverbrechen zu ahnden, dienten sie dazu, die politische und intellektuelle Elite des Landes zu eliminieren. Haben wir es hier also mit einem historischen Roman zu tun?
Andreas Tretner: Ja, das ist ein historischer Roman. Der Rahmen ist recht genau gesetzt. Aber in diesem Rahmen entspinnt sich eine Fiktion, die allerdings sehr schlüssig ist. Die wesentlichen Protagonisten der Zeit kommen vor, nicht mit Namen und Adresse, sondern als Entwürfe, als Prototypen.

Zeh: Als Leserin begleiten wir in diesem Roman drei junge Menschen in Sofia. Die junge Frau in dieser Clique, Lilijana, ist politisch am besten informiert und auch am entschiedensten engagiert. Den beiden jungen Männern, Kosta und vor allem der Hauptfigur Emil Strezov, stößt ihre kommunistische Karriere eher zu. Bei Emil sind es vor allem seine Gedichte, über die Aktivisten auf ihn aufmerksam werden. Was ist das für eine Hauptfigur, die Angel Igov hier entwirft?

Tretner: Das ist ein junger angehender Dichter aus der Provinz, ein sehr sensibler junger Mann, der von der revolutionären Bewegung, möglicherweise aber auch nur von seiner Jugend mitgerissen, sehr emphatische Gedichte schreibt. Er ist in einem Alter, in dem das womöglich alle tun – zumal in Bulgarien. Man darf nicht vergessen: Das ist Thrakien, die Heimat von Orpheus und der Lyra. Da wird einfach gedichtet – das kriegt man in die Wiege gelegt – und der Dichtung gehuldigt. Die großen Helden der Nation sind dort nicht selten Dichter. Christo Botew etwa, nach dem heute noch jede zweite Straße und jedes dritte Stadion benannt ist, war der Befreiungsheld vom „osmanischen Joch“, wie es formuliert wurde, im 19. Jahrhundert. Oder Pejo Jaworow, ein sehr schöner symbolistischer Dichter, den kennt jeder. Der wechselte Anfang des 20. Jahrhunderts zwischen Caféhaus und Schützengraben hin und her in den Balkankriegen.
Das ist so ein Dichtertyp, mit dem man Umgang hat – ganz automatisch, wenn man in Bulgarien sozialisiert wird. So einen hat der Autor sich ausgesucht. Er ist politisch relativ ahnungslos und kommt aus der Provinz in dieses, aus seiner Sicht, wilde Sofia – noch dazu nach dem Bombardement, nach dem Krieg. Die Engländer und Amerikaner haben Sofia bombardiert, nachdem Bulgarien ihnen spät den Krieg erklärt hat an der Seite von Hitler. In diese Situation kommt Emil wie ein ahnungsloses Kind. Und das paart sich übrigens ganz gut mit dem unbefangenen Leser, der in diese historische Situation hineingleitet und sich genauso wie dieser junge Held erst orientierten muss.

Zeh: Der Roman wird stellenweise, aber dafür sehr prägnant, erzählt von einem kollektiven „wir“. Auch die Geschichte von Emil wird von außen erzählt, teilweise in direkter Ansprache an den Protagonisten. Und ganz am Ende heißt es: „Das Buch deines Lebens aber schreiben wir: deine Nachbarn ums Eck, Schwarzfahrer der Geschichte […]: die Sanftmütigen.“ Wer sind denn diese Sanftmütigen?

Tretner: Dieses „wir“ ist wirklich der Geniestreich des Buches, wie ich finde. Eine ganz ambivalente Geschichte, dass da ein kollektiver Erzähler auftaucht! Das hat einen riesen Hallraum, das sind mehrere Echos. Man hört erstmal natürlich ganz politisch. Aus heutiger Sicht ist dieses „wir“ die große Lüge, die große Lüge der kollektivistischen Ideologie.
Aber dann ist das auch ganz sozial angebunden. Man merkt sehr schnell, dass es da um ein spezielles Biotop geht in dieser Hauptstadt Sofia. Das sind Underdogs, bad guys, die nicht auf das Maul gefallen sind. Die mal da sind, mal wieder weg. Es übernimmt ja auch ein anderer, gesichtsloser Erzählter. Aber dann, immer im entscheidenden Moment, haben „die Sanftmütigen“ wieder etwas zu sagen. Igov spannt sie in diesen Roman ein. Und sie sind – und das ist ja der große Dreh – natürlich das eigentliche Volk in diesem Buch. Die bewegen sich vor dem Hintergrund derer, die behaupten, das Volk zu sein und diese Volksgerichte inszenieren. Und die dritte Bedeutungsebene ist dann: Man denkt sofort an einen antiken Chor, der so von einem dramatischen Schicksal kündet und manchmal katharische Züge kriegt. Das ist schon eine irre Idee, so einen Erzähler einzuspannen. Man wehrt sich manchmal auch als Leser, aber dann ist man auch wieder mitgerissen.

Zeh: Mitgerissen vor allem, weil diese Erzählstimmen keineswegs statische sind. Sie scheinen eine Dynamik innerhalb ihrer selbst zu haben. War das eine Herausforderung für Sie beim Übersetzen, diese unterschiedlichen Erzähltöne zu finden?

Tretner: Ja, das war’s. Man muss diesem Erzähler wirklich ganz genau hinterher, diesen Erzählern, die mit einer ganz gleitenden Stimme sprechen, nicht so eine crowd, sondern ganz pointiert. Und sie ändern sich, wie sie schon sagen, in der Perspektive manchmal mitten im Satz. Deswegen auch der Eindruck eines Chors auf der Bühne, der mitunter auch „beiseite spricht“, wie die Regieanweisung klassischer Weise heißt oder ins Publikum spricht. Dann kommt aber wieder diese rhetorische Ansprache, den Helden zur Verantwortung ziehen zu wollen. Das wechselt. Und wer das liest, muss auch mit gespitzten Ohren lesen. Da gibt es bei den Dialogen nicht mal eine An- und Abführung. Auch die Personen sind so ineinander verschränkt, dass man schon sehr gestisch übersetzen muss, damit man das so abhebt voneinander. Dass der Leser sich nicht verirrt, muss der Übersetzer ihm die Brücken bauen.
Buchwissen der DDR ist „unwiederbringlich weg“

Zeh: Bei Angel Igov finden sich ja einige Spuren deutscher Literatur. Emil spricht sehr gut deutsch, liest Goethe und Heine in der Schule. Wie sieht es denn umgekehrt aus? Welche Tradition und welchen Stand hat bulgarisch Literatur bei uns in Deutschland?

Tretner: Was die Tradition anbelangt, ist eine Weile viel getan worden. Man mag von dem Buchwissen der DDR halten, was man will und man weiß ja auch, wie es zustande kam und weiß, wie es zu Ende ging. Aber die Anfänge dieser bulgarischen Literatur, die es ja noch nicht ewig gibt, das ist eine relativ junge Literatur. Nationalstaatlich gibt es dieses Land seit noch nicht einmal 200 Jahren. Und die Anfänge dieser Literatur, ihre Klassik und ihre klassische Moderne wurden eben zunächst in der DDR übersetzt und sagten den Lesern dort auch etwas. Das ist unwiederbringlich weg. Es wäre aber für vieles, was heute entsteht, ein Anker, ohne den es ein bisschen in der Luft hängt, schwierig zu verstehen ist und vor allem eben immer wieder neu von vorn erklärt werden muss. Was den heutigen Buchmarkt betrifft, sind die bulgarischen Autoren Einzelkämpfer. Es gibt kaum eine Hand voll Autorinnen und Autoren über die etablierte deutsche Verlagslandschaft verstreut und darüber hinaus eben drei, vier tapfere Kleinstverlage. Einer davon ist der eta Verlag in Berlin, der dieses Buch gemacht hat. Da passiert es im günstigsten Fall dann doch mal, dass die so ein kleines U-Boot losschicken, dass dann überraschender Weise Erfolg hat. Aber das ist leider selten und es ergibt eben kein Bild einer ganzen Literatur. Ich nehme an, dass das mit den anderen Literaturen des Balkans nicht sehr viel anders ist.

Andreas Tretner: der Lässige

13. März 2020